Der Verein Rebolting hat sich zum Ziel gesetzt, die nachhaltige Sanierung von Kletterrouten mit Material zu unterstützen und den Erfahrungsaustausch zu fördern. Wie aber wird eine Routensanierung idealerweise durchgeführt? Welche Rolle spielt dabei die lokale Kletter-Ethik? Und wer bezahlt das alles? Dazu haben wir uns mit dem Vereinspräsidenten Raphael Schmid unterhalten.

Text: Jürg Buschor

Raphael Schmid, Präsident vom Verein Rebolting gibt uns Einblicke in die Hintergründe des Vereins.

Du hast 2017 Rebolting mitgegründet – welche Ziele verfolgt der Verein?

Wir führen die aktive Kletter-Community zusammen, die in der Schweiz Routen einrichtet und saniert. Altes Material soll nach definierten Kriterien fachgerecht ersetzt werden. Rebolting stellt den Menschen, die diese Fronarbeit leisten, das Wissen und das kostenlose Material zur Verfügung.

Der Alpinist Robert Jasper hat einmal gesagt: «Für mich sind Kletterrouten eine Art Kunstwerk am Berg.» Sollte eine Kletterroute auch Urheberrechtsschutz geniessen? Und, wenn ja – wie soll idealerweise eine Route saniert werden, ohne dabei die Rechte der Erschliesser zu verletzen?

Für uns ist vor allem wichtig, dass man vor der Sanierung einer Route auf die Erschliesser zugeht und Fragen klärt wie: Welches ist der Routencharakter? Wie schaut es mit Hakenabständen aus? Wo soll vielleicht mobil abgesichert werden? Es müssen auch die lokalen Klettergepflogenheiten berücksichtigt werden. Wenn es einen Konsens gibt, ist das natürlich super. Wenn nicht, verzichtet man besser auf eine Sanierung. Eine Route gegen den Widerstand von vielen Leuten oder den Erschliessenden zu sanieren, ist eher unglücklich – das bringt viel Aufwand und eine schlechte Energie.

Das Rebolting-Team bei einer Routensanierung am Grimselpass

Wie sieht ein ideales Vorgehen aus? 

Wenn nach Absprache mit den Erschliessenden Einigkeit über das Vorgehen besteht, sind weitere Überlegungen anzustellen, so zum Beispiel in Zusammenhang mit dem Naturschutz. Oder welchen Einfluss die Sanierung hat – kommen plötzlich mehr Menschen? Hat es genügend Parkplätze? Diese und weitere Fragen sind in Form einer Checkliste zusammengefasst, die in das Bestellformular integriert ist, mit dem Routensanierer bei Rebolting Material bestellen. 

Bei Kletterrouten geht es oft auch um Kletter-Ethik. Den Kletterstil, wie ihn die Locals pflegen. Wie beeinflusst das eure Arbeit?

Dem tragen wir Rechnung, indem wir an mittlerweile elf Standorten ein Materiallager haben, das von Locals betreut wird. Wenn also jemand für eine Routensanierung Material bei Rebolting bestellt, kommt es bei der Übergabe automatisch zu einem Austausch. Wichtig ist auch, dass die Sanierenden eine Vorstellung davon haben, wer die Route häufig begeht. Wenn beispielsweise eine Route mehrheitlich von «Plaisir-Kletternden» begangen wird, macht es unserer Meinung nach wenig Sinn, bei einer Sanierung Bohrhaken zu entfernen, sodass die Stellen danach mobil abgesichert werden müssen.

Ein gutes Beispiel ist die Sanierung der Kingspitze Nordostwand in den Engelhörnern. Die Route wurde von lokalen Bergführer saniert, welche die Situation vor Ort sehr gut kennen. Und weil sich dort regelmässig Leute überschätzen, die dann durch die Rega ausgeflogen werden müssen, wurde die Route so saniert, dass sie früh gewisse Anforderungen stellt. So wird vermieden, dass sich Leute so weit hochschummeln können, dass danach kein Rückzug mehr möglich ist. Das Beispiel zeigt: Wer den Charakter einer Route durch die Sanierung verändert, muss sich im Vorhinein intensiv mit den Begebenheiten auseinandersetzen. Gleichzeitig muss man sich bewusst sein, dass man es nie allen recht machen kann.

Der Verein Rebolting hat mittlerweile Materiallager an elf Standorten. Das Material wird von Locals betreut und persönlich an die Routensanierer übergeben.

Bruno Hasler, der Bereichsleiter Ausbildung und Sicherheit beim Schweizer Alpen Club SAC, gibt einen weiteren Aspekt zu bedenken: Wenn die Erstbegeher das damals modernste Material eingesetzt haben, soll auch heute das beste Material eingesetzt werden dürfen. Etwas übertrieben gesagt, macht es natürlich keinen Sinn, heutzutage noch Holzkeile in die Felsen zu dreschen. Entspricht das auch der Philosophie von Rebolting?

Wir versuchen, keine Standards durchzudrücken, unterstützen die Vielfalt. Es entspricht unserer Philosophie, dass wir auf die Bedürfnisse derer eingehen, die sich vor Ort engagieren. Und wir geben die Empfehlungen für eine zielführende Vorgehensweise, die ein breit abgestütztes Resultat bringt.

Der Austausch mit den Routenerschliessern ist nicht immer möglich – wie beeinflusst das eure Arbeit?

Der Idealfall ist natürlich der, dass eine Rücksprache möglich ist und die Sanierung eng begleitet wird. Wenn das nicht mehr möglich ist, weil die Person entweder gestorben ist oder kein Interesse mehr an der Route hat, sollte man sich mit den Locals absprechen.

Wie darf man sich das vorstellen – gilt das gesprochene Wort?

Ja, so ist es. Wir machen keine Verträge und die Vorgehensweise wird auch nicht dokumentiert. In unserem Material-Bestellformular sind die Handlungsempfehlungen festgehalten und die Routensanierenden beschreiben kurz, welches ihr Plan ist.

Sollten eurer Meinung nach Routen, die von ihren Erschliessern mobil abgesichert wurden, in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden, wenn zu einem späteren Zeitpunkt Bohrhaken eingebohrt wurden?

Es gibt von Rebolting Empfehlungen, wie Trad-Routen saniert oder zurückgebaut werden können. Aber wir verzichten auf allgemeine Handlungsempfehlungen, weil wir der Meinung sind, dass das immer fallweise entschieden werden muss. Was ich persönlich schwierig finde, sind irgendwelche Nacht-und-Nebelaktionen, in denen ohne Rücksprache zurückgebaut wird.

André Nyffeler bei der Sanierung der Route „Spit Verdonesque Edenté“ am Eiger

Als Yannick Glatthard zusammen mit Michal Pitelka 2019 an den Wendenstöcken die relativ neue Route Gran Paradiso zurückgebaut hatte, gingen in der Kletterszene die Wogen hoch. Wie beurteilst du solche Aktionen und wie sähe deiner Meinung nach ein ideales Vorgehen aus?

Ich kenne in der Angelegenheit nicht alle Details, möchte deshalb auch nicht urteilen. Klar ist jedoch: Der Schlüssel liegt immer in der Kommunikation. Wer erstmals in einem Gebiet eine Route einbohrt, sucht den Austausch mit den Einheimischen. Und wer ausbohrt, sucht zuerst den Kontakt mit den Erschliessern. Den Diskurs über Social Media zu lancieren, würde ich persönlich nicht empfehlen.

Wer darf, respektive, soll denn Routensanierungen vornehmen?

Eine gute Möglichkeit, sich das Wissen anzueignen, ist der Besuch einer Ausbildung. Der Schweizer Alpen Club SAC hat ein entsprechendes Angebot. Wir selbst bieten keine Kurse an und rekrutieren auch nicht aktiv. Wer sich fürs Sanieren von Kletterrouten interessiert, vernetzt sich mit einem unserer mittlerweile rund 150 Mitglieder in den verschiedenen Regionen. So kann man mit Unterstützung der Erfahrenen in diese Aufgabe hineinwachsen.

Wer eine Route entdeckt, die Sanierungsbedarf hätte, kann auf der Website von Rebolting ein Formular ausfüllen.

Welches sind die häufigsten Gründe für eine Routensanierung und wie meldet man einen Sanierungsbedarf?

Die Gründe sind vielseitig: Das Material ist rostig oder abgenutzt, beispielsweise durch häufiges Abseilen oder Topropen. Oder es gibt Standplatzverbindungen aus Seilstücken, die durch UV-Strahlung ihre Festigkeit verloren haben. Manchmal ist eine Route zugewachsen oder der Zustieg muss gepflegt werden. Wenn jemand der Meinung ist, dass eine Route nicht mehr vertrauenswürdig ist oder andere Arbeiten notwendig sind, der kann auf unserer Website ein Formular ausfüllen.

In welchen Regionen ist Rebolting aktuell aktiv?

Angefangen hat es im Oberhasli. Die dort bestehende Gruppierung war die Inspiration für die Gründung des Vereins Rebolting, der zu Beginn vor allem im Heimatkanton Bern aktiv war. Schnell kamen die Kantone Freiburg und Jura dazu, mittlerweile sind die ganze Zentralschweiz, das Tessin und das Oberwallis abgedeckt. In der Ostschweiz ist der Verein East Bolt aktiv, Plan Vertical im Unterwallis. Das heisst, die Schweiz ist mehr oder weniger lückenlos abgedeckt.

Wie können Kletternde eure Bemühungen unterstützen?

Zuerst einmal dies: Wer Rebolting unterstützt, hilft ausschliesslich dabei, Routen zu sanieren. Aktuell ist dies in Form einer Vereinsmitgliedschaft möglich. Wir möchten schon bald die Möglichkeit einer Gönnerschaft anbieten. Unser Wunsch: Irgendwann sollte es für alle Kletternden selbstverständlich sein, jährlich einen kleinen Betrag für Routensanierungen zu spenden. In den Kletterhallen kostet ein Einzeleintritt bis zu 50 Franken – mit dieser Summe liesse sich bereits ein sicherer Standplatz einrichten.

https://www.rebolting.ch/de/support

Und wenn du sonst noch einen Wunsch offen hättest?

Ich wünsche mir einen Sicherungshaken, den man wieder entfernen kann. Und so stelle ich mir das vor: Wir setzen heute ein Loch. Und in 40 Jahren nehme ich die Sicherungsmittel, den Dübel oder den Anker wieder aus dem Loch raus und kann dasselbe Bohrloch für einen neuen Dübel nutzen. Es gibt ganz viele abgefahrene Technologien im Klettersport, aber den perfekten Haken gibt es noch nicht.